Es ist ein weites Land.

Kaum Begrenzungen, kaum Sichtblockaden.

Nach einer erholsamen Nacht treffen wir uns

zum Frühstück auf der Terrasse.

„Jut jeschlafen?“ fragt Ulrich.

„Sehr gut.“

Dieser Klang der Sprache fasziniert mich immer wieder.

Es berlinert.

„Was isst du zum Frühstück, mehr süß oder eher

kräftig?“

„Kräftig. Etwas Süßes gerne danach.“

Die Morgensonne beleuchtet zur Hälfte den Apfelbaum.

Der Baum als Sonnenuhr. Es ist 08:30 Uhr Hetzdorfer Zeit.

Auf dem Land ticken die Uhren anders.

Alles geht ruhiger zu.

Ich komme gerade frisch aus Berlin, frisch von der Schloßstraße,

dort wo die Pace gemacht wird.

Nun sitze ich auf der Terrasse. Frische Landluft.

Einen weit ausladenden Apfelbaum im Blick, darunter ein Tisch mit Stühlen.

Eine Ruhezone, ein guter Platz zum Schreiben und zum Reden.

Oder man sitzt, schaut und schweigt.

Ulrich kommt mit dem gut gefüllten Tablett auf die Terrasse.

„So men Juter, dann werden wir uns ma stärken!“

Jut und gut.

Acht Marmeladengläser erwarten mich.

Das Land hat was zu bieten, man muss es nur erkennen können.

Es ist zweifellos mehr als selbstgemachte Marmelade,

es ist ein Kosmos, es sind Universen, Galaxien der Natur,

die dort noch vorhanden sind.

Die Gegend ist dünn besiedelt. Das Getier hat weitgehend Ruhe vor den Menschen.

„Ab und zu kommt auch ein Reh oder ein Hirsch zu Besuch in den Garten“, sagt Ulrich.

Ich stelle mir vor, wie ich unterm Apfelbaum sitze und schreibe.

Verinnerlicht, versunken, wie das so beim Schreiben ist.

Und dann schleicht sich von hinten ein Hirsch an und schaut mir über Schulter.

„Na Herr Dernbach, was schreiben wir denn heute?“

„Och Herr Hirsch, das weiß ich noch nicht. Erst ma einen Kaffee trinken.“

Und wie Hirsche so sind, nickt der Bursche mit seinem Geweih

und sagt: „So ist es recht!“

Wenn man mit Wölfen tanzen kann, dann kann man auch mit Hirschen reden.

Man muss halt nur die Melodien zu deuten wissen,

dann weiß man auch, was angesagt ist.
Ich nehme eines der Marmeladengläser in Augenschein, lese die Aufschrift.

„Joh.11“.

Ist das nun ein Hinweis auf einen Bibelvers?

Immerhin gastiere ich bei einem Pfarrer.

Vielleicht eine versteckte Botschaft?

Der Kasparick-Code.

Es gibt soviele Möglichkeiten. Man muss sich „nur“ auf sie einlassen.

Lass es kommen, greife nicht ein, gehe durchaus über Rot,

denke nicht an 4000 Euro wie bei Monopoly.

Das Leben hat mehr als Monopoly zu bieten, auch wenn die Medien uns

etwas anderes erzählen.

Es gibt noch eine andere Welt als Geld.

Worauf der Hirsch wieder mit seinem Geweih nickt:

„Herr Dernbach, sie sind auf der richtigen Spur…“

„Herr Hirsch, danke für ihren Hinweis. Ich werde versuchen ihn zu beherzigen!“

Der Hirsch verlässt in aller Ruhe den Garten und Ulrich kommt mit dem Kaffee.

„So Cafégänger, dann wollen wir mal …“

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