Der Rasierapparat war nicht sein ganzer Stolz,                  Cafe_Canet_Dernbach2010

aber er spielte im Leben Johann Hartklugs

eine wichtige Rolle, denn er war viel unterwegs,

übernachtete oft in Hotels und fühlte sich,

nicht nur von daher, manchmal einsam.

Dass ein Rasierapparat Momente der Einsamkeit überbrücken konnte,

wäre Maria Garcia nie in den Sinn gekommen.

Sie war ein Familienmensch und zudem religiös verankert.

Wenn sie sich einsam fühlte, auf einen Auftrag wartete oder mit unguten Gefühlen

in die Zukunft schaute, dann wäre sie zur Familie oder in die Kirche gegangen.

Vielleicht hätte sie auch einen Kuchen gebacken.

 

Ihr war nicht entgangen, dass Johann Hartklug seinen Rasierapparat

mit besonderen Augen anschaute. Die ganze Art der Behandlung war

nicht übertrieben, sehr freundschaftlich.

Hartklug öffnete die Abdeckung und betrachtete die Scherenköpfe.

Dann nahm er einen Pinsel und reinigte liebevoll die verschiedenen Teile

seines „Browny“. Diesen Namen hatte Hartklug seinem Rasierapparat

einst gegeben, weil er der Ansicht war, dass auch Maschinen eine Seele hätten.

In einer Zeremonie hatte Hartklug damals, als sein Großvater Ruprecht unter die Erde gebracht war,

ein Glas Riesling genommen und den Rasierapparat, den er von seinem Großvater

geerbt hatte, feierlich in die Hand genommen:

„Ich taufe dich auf den Namen Browny!“

Es war sozusagen eine Umtaufe. Denn bei seinem Großvater hatte der Rasierapparat

noch den Namen Fritz getragen, je nach Lage im Leben, auch Fritzchen.

Das erschien Johann Hartklug aber nicht mehr zeitgemäss.

War Fritz einst mit Ruprecht in den Krieg gezogen, besser gesagt marschiert,

so erschien es Johann Hartklug angemessen, diesem Rasierapparat fortan einen freundlicheren Namen

zu geben. Er wollte ihm auf die alten Tage hin ein Geschenk machen, das größte,

welches man einem Rasierapparat machen konnte: die Rückkehr zur Kindheit.

 

Alles das wäre Maria Garcia nicht einmal im Traum eingefallen und sie war schon

sehr begabt, was die Fähigkeit des Träumens anbelangte.

„Browny, wir müssen uns jetzt bald auf den Weg machen“, sprach Hartklug und schaute

seinen Rasierapparat mit Wehmut und  Schuldbewusstsein an.

Es war inzwischen 05:11 Uhr an jenem Novembermorgen in Sevilla.

Johann Hartklug schaute auf die digitale Anzeige der Hoteluhr und wartete darauf,

dass die Ziffer auf 12 umsprang.

Es kam ihm diesmal ungewöhnlich lange vor, ja fast quälend.

Diese verdammte Minute, und es war nicht einmal eine ganze,

wollte einfach nicht vergehen. So empfand das Johann Hartklug.

Er fühlte sich fixiert und gebannt, unfähig den nächsten Schritt zu tun.

Maria Garcia schaute diesen Mann an, der gedankenversunken in einem Ohrensessel

aus dem letzten Jahrhundert saß, und liebevoll seinen Rasierapparat mit einem Pinsel streichelte.

 

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