Wenn eine Französin in diese Region kommt,                         tasten_cafe_noir

die auch noch aus der Bretagne stammt,

dann kann sie von Glück sprechen,

wenn sie nicht mit dem Zug anreisen muss,

der sich, aus welcher Richtung man auch kommt,

in einer schier endlosen Zeit, fast zu Tode bummelt.

Man hat vielleicht 500 oder gar 2000 Kilometer problemlos geschafft,

die letzte Etappe, ist die wahre Herausforderung.

Der Zug scheint sich zu langweilen, hält fast an jedem Misthaufen

und nicht wenige der Fahrgäste erscheinen einem recht skurril.

Diese hügelige Mittelgebirgslandschaft des Sauer- und Siegerlandes,

lässt kaum weite Blicke zu, ausser man klettert auf einen Berg.

Hier schaut man auf Hügelwände, dort aufs Meer und in die freie Ebene.

Und so formt die Natur den Menschen, der in ihr beheimatet ist.

Begrenzter Horizont, offener Blick, Brett vorm Kopf, erfrischendes Auftreten,

Schweigen, Plappern, Lethargie oder Aufbruch.

Natürlich sollte man mit Verallgemeinerungen vorsichtig sein,

wird der kritische und gebildete Leser anmerken.

Der genaue Blick auf die Regionen und Menschen, offenbart noch viel mehr.

Der erste Eindruck täuscht zuweilen, der zweite klärt etwas auf, der dritte konkretisiert

und der vierte, lässt die „Groschen fallen“.

Jede Medaille hat viele Facetten und Schattierungen.

In welchem Winkel jeweils das Licht auf sie fällt, das lässt sie ganz anders erscheinen.

Der erste Fass Kölsch war schnell geleert. Es kamen noch einige Freunde

und Bewohner des Nachbarhauses, Beate, eine der Organisatorinnen der Kunst-Tour

schaute freudestrahlend vorbei und die Französin tauchte auch auf.

 

Ich erkenne eine Französin schon auf 100 Meter.

Die Gestik, Art der Kleidung und beim Näherkommen, die Mimik,

alles das ist unübersehbar. Madame Jeanette brachte ihre Kunstwerke in Position.

Die hängt französisch Frau nicht einfach auf, das wird zelebriert.

Und wenn es Stunden dauert, um den letzten Millimeter des korrekten Plazierens

zu finden, es gehört nicht nur mit dazu, es ist eine Art heilige Aufgabe.

Und während dieser heiligen Messe im Namen der Kunst,

wird die übrige Welt ausgeblendet. Das ist französische Akribie.

Fast überflüssig zu erwähnen ist, dass Jeanette einen Rock trug,

kurz genug, um sexy zu erscheinen. Vielleicht sollte man besser erotisch sagen,

den sexy ist angelsächsisch.

Während Madame Jeanette also mit ihren Bildern beschäftigt war,

begannen die kasachischen Musiker ihre Anlage im Hof aufzubauen.

Gitarren wurden herbeigeschafft, ein Keyboard in leichter Schräglage auf die Wiese gestellt,

Verstärker angeschlossen und Mikrofone fixiert.

An einer langen Tafel im Hof wurde derweil Essen aufgetischt.

Würste, Salate, Fische, Oliven, Käse, Weintrauben, Baguette und andere Köstlichkeiten.

 

Jupp war gerade aus Frankreich zurückgekehrt und hatte einiges mitgebracht.

Nur das Wichtigste, das blieb auf der Strecke. Der Wein!

Wer sich mit einem VW-Bus, der schon über 400 000 Kilometer gelaufen hat,

bis in die Gegend von Nantes wagt, der darf sich nicht wundern,

wenn er ohne Bus – auch Bully – genannt, heimkehren muss.

Jupps VW-Bus verreckte irgendwo in Frankreich und mit ihm blieben hunderte von Litern

französischen Weines ebenso auf der Strecke liegen,

die für die Heider Kunst-Tour bestimmt waren.

„Et ös noch ömmer joot gejangen!“

Jupp wäre nicht Jupp, wenn er nicht noch anderen Wein irgendwo liegen hätte.

Und wenn da nichts liegt, wird schnell noch irgendwo welcher aufgetrieben.

Der Mann weiß sich zu helfen und anderen auch.

„Die müssen morgen das erste Mal auf die große Bühne!“ sagte Jupp.

Gemeint waren die Kasachen, die kein Schlagzeug dabei hatten, aber

einen Typen am Perkussionskasten, der einerseits sehr kasachisch,

andererseits auch etwas französisch, amerikanisch und italienisch aussah.

Er trug einen Strohhut der kleineren Art, hatte einen Spitzbart und rauchte

ungefährt drei Zigaretten in drei Minuten.

Der würde wohl kaum singen, dachte ich. Und sollte es widererwartend doch geschehen,

dann wären es wohl Stücke von Tom Waits.

„Waltzing Mathilda …“

 

„Wie nennt sich die Band?“ fragte ich Jupp, der noch ein Kölsch zapfte.

„Die Kasachen!“

„Die Kasachen?“

Hatte ich richtig verstanden oder hatte er die Kosaken gesagt?

Ich schaute mir den Strohhut des Perkussionisten an.

Es war ein Strohhut, wie man ihn an jedem Strandbad in Europa kaufen konnte,

ein Touristenhütchen. Na ja, der Kasache hatte es von Astana immerhin bis in die Pfalz geschafft,

und von der Pfalz bis ins Südsauerland nach Heid.

„Chapeau!“

So einen Weg muss man auch erst einmal machen können.

Da könnte man an den Satz denken: „Wer eine Reise macht, der hat was zu erzählen!“

Ich glaube, wer den Weg von Kasachstan bis nach Heid schafft,

der erzählt unentwegt oder schweigt ob der zahlreichen Erlebnisse wie ein Grab…

Advertisements