Es kam der Moment,                                                                               dichter_blick

da einer der special guests ans Mikrofon trat.

Ivan Jordanowicz, ein wahrhaft grosser Dichter

und Meister der Worte,

dessen Heimat unbekannt ist, weil er sie verborgen,

vielleicht geschützt hält.

Auch er trug einen Strohhut.

Man hörte, er sei gerade von einer langen Reise zurückgekehrt.

Langsamen Schrittes ging er zum Mikrofon. Die Band schwieg.

Wenn Musiker und ihre Instrumente schweigen, dann weiss man,

dass etwas Besonderes im Gange ist.

Ich hatte Ivan auf der letzten Kunst-Tour kennengelernt. Wir hatten bei einem Glas Wein

uns über diverse Aspekte des Lebens unterhalten. In aller Ruhe, unaufgeregt,

schauten wir uns damals in die Augen, und nach einer ganzen Weilen grinsten wir freundlich

und erhohen unsere Gläser. Es war ein tiefgehend, friedlicher Moment.

Ivan trat also ans Mikrofon und schenkte dem Publikum

einen ins Deutsche übersetzten russischen Text.

Dieser Text war nicht lang, aber er ging unter die Haut.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, worum es genau ging, wahrscheinlich um Abschied, Sehnsucht,

Verlust und Finden., die Be- und Entheimatung des Menschen.

Wer könnte darüber treffender Worte in Szene setzen, als russische Poeten?!

Einerseits muss man erst einmal solche Texte schreiben können,

sie dann auch noch so vortragen zu können, dass das Publikum vor Respekt,

Tiefe, Andacht …schweigt, dass eine wahrhaft spirituelle Stille sich allmählich verbreitet,

gelingt nur wenigen Poeten.

Aber genau dafür wären und sind sie da.

Das ist  der Unterschied zwischen Praktikern, Machern, Handwerkern auf der einen Seite,

und wahrhaften Künstlern auf der anderen Seite.

Ivan war so in diesem Text versunken und beheimatet, wodurch eben erst jene Tiefe

entstehen kann, die bei einem Gänsehaut oder Melancholie verbreitet.

Auch wenn es nicht sein eigener Text war, so hatte er die Worte, die er an diesem Abend

vortrug in aller Tiefe durchlebt.

Fernab von jedem Event-Firlefanz, von jedem Sich-behaupten-müssen,

flossen seine Worte wie heiliges Wasser in den Innenhof und reinigten für eine Weile

das Publikum vom Alltag, vom Funktionalismus und allen Formen der Rechthaberei.

Wenn das einem Poeten gelingt, dann darf man ihm getrost auf die Schulter hauen:

„Jut gemacht…!“

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