Stefan Dernbach liest: Das Leben des Gouda IV

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Schorsch nimmt einen kräftigen Schluck                      käse

von seinem Mittagsbier und sagt:

Guck sie dir an.

Die sind den ganzen Tag nur am saufen.

Das hätte es damals beim Adolf nicht gegeben.

Nicht, dass du mich falsch verstehst! Ich bin kein Nazi.

Aber, es war auch nicht alles schlecht, was der Adolf gemacht hat.“

 

Hm. Was meinst du damit?“

 

Schorsch richtet sich seine schwarze Lederjacke, streicht sich nochmal sein leicht

fettiges Haar zurecht, wie ein Redner kurz vor seinem grossen Auftritt.

Als er bemerkt, dass sein Haar noch nicht richtig sitzt, holt er einen kleinen, schwarzen

Kamm aus der Innentasche seiner Jacke und zieht nochmal einen sauberen Strich.

Dann atmet er tief durch, damit die Zuhörerschaft auch weiss,

dass nun etwas Wichtiges folgt.

 

Dä Adolf war ja en Österreicher. Und die Österreicher sind harte Kerle.

Dat sind die alle, die in den Bergen wohnen. Da kannste die Schweizer, die Südtiroler

oder die Österreicher nehmen und auch die Bayern. Die wissen ganz genau, was du

tun musst, wenn die Luft dünn wird, wenn fast nix mehr geht. Du bist am keuchen und

am fleuchen, deine Pumpe läuft auf 180 und bist fast in der Höll‘. Und dann wissen die

genau, was angesagt ist.“

 

Schorsch, warst du mal in Österreich?“

 

Ich war ma sechs Wochen in Heiligenblut. Weisst du, wo das liegt?“

 

Erzähl‘ ma!“

 

Heiligenblut liegt am Großglockner, einem der höchsten Berge Österreichs.

Eine herrische, äh, herrliche Gegend. Da war ich acht Wochen zur Kur.“

 

Hattest du einen Dachschaden…?“

 

Stefan Dernbach liest: Das Leben des Gouda III

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Wenn der Autor dieser bescheidenen                     Flyer_new_orleans_Stefan_Dernbach_web

und kleinen Schrift, die er nicht einmal Werk

nennen möchte, gegenüber vom Brunnen

seinen Kaffee trinkt, im östlichen Diwan

einen schlichten Lahmacun zu sich nimmt,

um wieder zu Kräften zu kommen,

dann schaut er erstaunt zu Vladim, wie dieser mit den neun Orden der russischen

Armee jongliert. Vladim versteht nicht nur was vom freien Spiel der Kräfte, er be-

und verzaubert die Zuschauer, versetzt sie in eine Art Trance.

Beim Zuschauen vergisst selbst die Flaschensammlerin, selbst die verschleierte Ayse

ihr täglich trocken Brot.

Die Mühen, die Leiden, die Sorgen und die Ängste, sie treten für einige Augenblicke

in den Hintergrund oder verschwinden sogar.

Man könnte Vladim auch einen Meister der Transzendenz nennen.

Es gelingt ihm scheinbar mühelos, Menschen mit verschiedensten Zuständen und

Hintergründen, die man oft als tragisch bezeichnen könnte, zu verwandeln.

Mancher würde sagen, kein Wunder bei der Berufsausbildung-

und Berufserfahrung. Aber das wäre sicherlich zu kurz gedacht…

Stefan Dernbach liest: Das Leben des Gouda II

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Der Randgruppenbrunnen,                                 Flyer_new_orleans_Stefan_Dernbach_web

würde vielleicht ein Soziologe sagen,

ist wie jeden Tag bestens frequentiert.

Eine interkulturell-schichtenübergreifende

Ansammlung von Menschen,

die dem sprudelnden Wasser zuschauen,

aus welchen Gründen auch immer.

Wahrscheinlich sitzt dort auch ein arbeitsloser Soziologe neben den

 Nordafrikanern, einem verlorengegangenen Russen, der Flaschensammlerin,

 der Alki-Truppe „Vorwärts Bölkstoff“, der verschleierten Asye aus Anatolien

und dem Taxifahrer Herrmann, der auf Kundschaft wartet und überlegt, ob er nicht in

die NPD eintreten soll.

Die Unterhaltungen am Brunnen, sofern man das so nennen mag, sind so vielfältig

wie die Besucher des Kunstwerks.

Die Besucher sind Teil des Kunstwerkes und wiederum Kunstwerke selbst…

Stefan Dernbach liest: Das Leben des Gouda

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Der Markt ist belebt.

Ein graues Treiben.   Flyer_new_orleans_Stefan_Dernbach_web

Dazu noch eine Rentner-Demonstration.

Es werden Zeitschriften

und kleine Krückenpaare aus Plastik verteilt.

Über 60 Rentner haben sich eingefunden.

Eine Laufwagen-Parade.

Alte Haudegen schwingen ihre Spazierstöcke,

die betagten Frauen kochen Linsensuppe mit Würstchen.

Schürzen wehen im Morgenwind.

„Flagge zeigen!“ ruft einer.

 

Ein mitdemonstrierender Alkoholiker schreit:

Genau!“ – hebt seine Bierflasche, schüttelt sie und lässt es spritzen und schäumen.

Alles Arschlöcher! Ich sach euch: „Alles Arschlöcher!“

Nu ma Ruhe“, ruft ein Rentner…

Es gibt Tage, da …

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Es gibt Tage, da denkt man                                                      Billigdenker_Blog700_Dernbach

an indische Saddhus, man denkt an Varanasi,

an Hesse, den Bäcker, an Hesse, den Schriftsteller.

Manchmal denkt man auch an Schweizer Käse,

an billigen Gyros und Frauen in langen Abendkleidern.

Manchmal läuft einem ein Kommentar von Heribert Prantl über den

Weg, dann wundert man sich, dass Georg Stefan Troller

auch einen Facebook-Account hat.

Da sitzt der alte Troller am Rechner und facebookt. Nee, das glaubt man irgendwie nicht.

Man glaubt auch nicht, dass irgendwelche Amateure, plötzlich Landesrekorde laufen,

dass Schwätzer einen Master in Philosophie besitzen.

Es gibt Tage, da denkt man an Peter Finch in „Network“, an Heidi Kabel und Franz Beckenbauer.

Dann fallen einem wiederum Alt- und Edelrevolutionäre ein, man schmiert sich ein Käsebrot,

kocht sich einen Kaffee und isst Bienenstich. Man erinnert sich an eine Passage aus

dem Film Bodyquard, sieht Georges Brassens vor sich, denkt an die Sängerin Barbara.

„Göttingen“. Von Göttingen nach Paris, von Paris nach Massat.

Das kleine Café am Platz beim Hahn. Kleine Nebenstrassen. Alle führen nach oben.

Von einem Col zum nächsten. Zwischendurch anhalten, schauen. Wie gehts weiter?

Wo geht es weiter…?

Milan Kundera-”Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins” III

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Wörter als Quelle des Missverständnisses,                             brunnenspritzerduo

der Fehlleitung, der Illusion.

Jeder versteht und interpretiert anders.

Hinter einem Wort kann sich eine lange

und eindrückliche Geschichte verbergen,

die sich nur in Umrissen offenbart,

deren Folgeerscheinungen aber deutlich und drastisch sind.

Wenn die Verschiedenheiten der Hintergründe nicht kommuniziert werden können,

Klarheit aus welchen Gründen nicht gewollt ist, dann gerät jede Beziehung auf eine schiefe Bahn

und ist bedroht.Sie kann wohl andauern, aber der Geist der Lebendigkeit entweicht.

Nach aussen tauscht man Worthülsen, die im Inneren eine grosse Wirkung haben.

Was bedeuten jeweils für einen Menschen folgende Wörter?

Freundschaft, Liebe, Treue, Ansehen, Verrat, Freiheit, Unfreiheit, Kultur, Despotismus, Erziehung,

Erotik, Reichtum, Armut, Schönheit,  Erfolg, Misserfolg …etc.?

Aber es fängt schon weit unter diesen Universalworten an, wie die Beziehung zwischen der Künstlerin Sabina

und dem Hochschullehrer Franz zeigt. Es beginnt schon mit weit einfacheren Worten und Dingen,

die einem etwas bedeuten, dem anderen Menschen aber so nicht zugänglich und vertraut sind.

Vieles an Hintergründen ist völlig unbekannt. Und so bleiben Partner, Freunde, vermeintlich Liebende,

wenn sie es nicht schaffen, die Hintergründe zu beleuchten, Fremde, obschon sie mit anderen „Verpackungen“

hausieren gehen. Einer täuscht den anderen, ob gewollt oder nicht gewollt. Man schweigt, hält an, blockiert oder

transformiert unsichtbar, während sich die Ereignisse fortbewegen.

Man tut so als ob…oder man setzt einfach fort, wo man anhalten müsste.

Fragen wären angebracht. Es wird aber stets nur geantwortet auf Dinge und Umstände,

die ohne Frage sind.

Es entwickeln sich unwürdige Possenspiele. Anstatt Authentizität, werden Fassaden errichtet,

die mal aus Pappe, mal aus Beton sind. Die Spannungsbögen nehmen zu, wenn jemand nicht mehr bereit ist,

der Posse und der Fassade zu folgen…

Milan Kundera-”Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins” II

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Es geht um verschiedene Formen des Seins,                                         Freiheit_short

es geht um persönliche Geschichte, um Liebe

und Erotik, in der Zeit von gesellschaftlichen Umbrüchen.

Was ist noch sicher, worauf ist Verlass?

Die Protagonisten des Buches fühlen sich angezogen,

abgestossen, sie suchen, sie finden und sie werden gefunden.

Sie laufen entlang des Bandes ihrer eigenen Geschichte.

Diese Geschichte mit ihren Erinnerungen, ihren Bildern und Gefühlen,

erschafft neue Bilder, die im Wechselspiel mit einer Realität stehen,

welche ungewiss und unsicher ist.  Jeder sucht nach Halt, worin auch immer.

Sie schauen in eine kurze, von Mauern umgebene Zukunft.

Und jeder rebelliert auf seine Art und Weise gegen die Begrenzungen.

In der Erotik, in der Sinnlichkeit, in der Leidenschaft, finden sich Gegenkräfte zu verschiedenen Formen

der Diktatur. Damit sind nicht nur politisch-gesellschaftliche Formen gemeint,

sondern auch die Diktaturen der eigenen persönlichen Geschichte, denen man zu entrinnen versucht.

Eine schamlose, grobschlächtige Mutter, ein despotischer Vater, eifersüchtige Geschwister,

ärmliche oder gut betuchte Verhältnisse, Land- oder Stadtleben und Ost- und Westeuropa.

Alles hat seine Konsequenzen und Fortsetzungen, alles seine Ängste und Zwänge.

Man ist schon in die Geschichte hineingeworfen, bevor man realisiert hat, welcher Art die Geschichte ist.

Gibt es Freiheit in der Unfreiheit? Gibt es Schlüssel für die Kerker?

Was bedeutet überhaupt Freiheit und Unfreiheit?

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