Einige denken dieser Tage an Albert Camus.                              camus_zeitknüll

Da liegt „Die Zeit“, dieses dicke Stück Papier,

welches der Briefträger unsanft in den Schlitz

des Kasten gedrückt, gequetscht, gepresst hat,

endlich auf meinem Küchentisch.

Der Briefträger hat Albert Camus übel mitgespielt.

Der zweite Tod des Albert Camus?

Nein, der Briefträger ist und war, nur einer der Täter.

Es gibt auch Schreibtischtäter, es gibt ahnungslose Täter, es gibt unbewusste Täter.

Und dann gibt es Leute, die wissen ganz genau was sie tun.

Das reicht vom Briefträger bis zum Feuilleton.

„Der Mann, der uns Gott nahm“ – so lautet der Titel von Iris Radisch zum 100. Geburtstag von Albert Camus.

Und dann geht es weiter: „Er glaubte an nichts…“

Wenn Geschenke auf solche Art und Weise verpackt werden, dreht sich wohl der „Beschenkte“

posthum im Grab um.

Was wäre in Albert Camus vorgegangen, wenn eine angesehene Literaturkritikerin ihm solch einen Titel

zum Geburtstag geschenkt hätte? Wie hätte er geantwortet? Hätte er überhaupt geantwortet?

Vielleicht hätte Camus gar nicht weitergelesen?

Wahrscheinlich hätte er sich eine Kippe angesteckt und den Ofen vorgeheizt.

Es ist kühl dieser Tage. Man möchte es warm haben.

Irgendwie wirkt der Titel wie eine Beleidigung. Was hätte man alles für Titel setzen können!

Aber nun prangt dieser Titel auf dem Titelblatt, nicht einmal auf den hinteren Seiten,

wo man ihn übersehen, ja überschlagen könnte.

Hätte Frau Radisch nicht besser zitiert, wie sie es weiter hinten im Feuilleton getan hat?

„Er sagte: Hab keine Angst!“

Auch Titel können ängstigen, vor allem, wenn ein Gigantismus in ihnen steckt,

der geradezu erschreckt, denn Albert Camus hat mehr gegeben als genommen.

Aber das muss man erst einmal verstehen…

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