„IMMER WIEDER SONNTAGS KOMMT DIE ERINNERUNG“,               gute_laune_dernbach

so lautet der Titel eines alten Schlagers,

oh zärtlicher Gesang aus Wohlstandszeiten, als volle Badewannen

noch nach Fichtenöl rochen, es bei Muttern heiße Fleischwurst

gab und Ilja Richter den Spot auf Gary Glitter, Cat Stevens,

Michael Holm und Juliane Werding richtete.

Man beweinte den Tod des Herrn Kramer und wusste doch,

es geht vorwärts.

Sonntags, da fuhr man mit dem VW-Variant ins Grüne

und hörte den Vöglein zu wie sie sangen: „Make love not war“. Es gab Sonntagskleidung, die gebügelt war.

Persil präsentierte die längste, behangene Wäscheleine der Welt,  dass selbst Neapel vor Neid erblasste.

Es ging aufwärts, es war der Aufbruch aus dem stabilen Mief.

Die Krawatten wurden bunter, die Röcke kürzer. Jeder hatte etwas zu verteidigen, jeder wollte etwas erkämpfen,

erringen, diskutieren. Die Fahnenstangen hatten eine überschaubare Länge. Ihre Enden lagen noch in Sichtweite.

 

Franz Josef Strauß schmetterte Reden mit acht Maß Bier, die einem Erdbeben glichen und Herbert Wehner zog

gewohnt an seiner Pfeife, deren Rauch einem Schlot der BASF den Rang ablief. Ein Willy fiel auf die Knie und

eine Elke rief den Sommer aus, immerwährend traumhaft im Blütenzauber, mit einer kleinen Brise Haschisch in

der Kippe. Der Mercedes C111, orangefarben, war nicht weniger beeindruckend als das Lied:

„Zwei Apfelsinen im Haar“.

Das Leben war eine aufstrebende Hitparade, welches auf gut gefederten Sofas stattfand.

Man fühlte sich auf einem Plateau, die Welt stand offen. Etwas Indien, etwas Afghanistan,

Spaghetti in Riccione und Café au lait in Paris. Die Gondeln trugen nur selten Trauer, aber wenn, dann richtig.

Der Herzschmerz wurde zum Weltschmerz. Man litt sogar mit Vietnam und Bora Bora, mit Chile und Argentinien.

Und wenn es einem nötig erschien, packte man noch heute sein Bündel und machte sich auf den Weg.

 

R4 und R6, Ernte23, T. Rex, Kassettenrecorder, die Bänder noch selbst sorgfältig mit der

Nagelschere geschnitten. Zwischendurch lief Fury oder Lassie, die treuen Weltenretter, die wahren Freunde,

auf die man sich verlassen konnte. Alles war sehr verlässlich und zugleich ein Abenteuer.

Ging mal was schief, kam es auch wieder in die Reihe, zumindest im Fernsehen.

Der Kalte Krieg sorgte für die nötige Grundspannung, die Werner Höfer einem sonntags um zwölf,

bei ein paar Karaffen Wein und qualmenden Zigaretten, ins rechte Bild rückte.

Internationaler Journalismus vor dem Schweinebraten. SS 20 versus Pershing II.

Die Mauer. Die RAF. Heinz  Schenk. Wenn das Problem nicht zu lösen war, kam der Äppelwoi auf den Tisch.

Mutter stand in der Küche, machte die Kartoffelklöße noch von Hand, während Vatter Heinz – auch Papa genannt –

nicht nur aus Solidarität mittrank, sondern dezidiert sein Weltwissen erweiterte.

Der Diercke-Atlas lag stets neben dem Fernseher. Falls Fragen aufkamen zu Da Nang,

wenn man sich nicht sicher war, wo Irkutsk oder Demoines lag, dann schaute man nach.

Wenn man auch die Welt nur schwerlich verstehen konnte, man wollte es.

Es gab nicht nur die Absicht, es gab einen Willen etwas zu begreifen.

Und genau daraus resultierte die Ergriffenheit, die Berührung, die Begegnung, die Konfrontation, der Protest.

Man warf noch Teller an die Wand, schüttete einem Laberhannes während der Talkshow sein Glas Wasser ins

Gesicht, um ihn geistig zu erfrischen.

„Wach‘ auf, Du Arschloch!“

Keine Spur von Seichtberger.

Maischberger hieß bestenfalls ein Bier…

 

 

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