Jean le Grand 5: Wege

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Er ging durch die Stadt, er ging durch das Land, er ging durch die Welt.

Dann setzte er sich auf eine Bank, holte sein Messer raus

und begann an einem Gewinde zu schnitzen.

Eine präzise, langwierige Arbeit, wäre ich nicht dazwischen gekommen.

„Bonjour Franzmann. A la retour de Sejerland?“

„Jo Jong.“

„Und, wat macht der Goethe?“

„Schläft joot!“

„Komm‘ mer drönke en Kaffee“, sagte ich.

Jean le Grand war per Velo bis nach Weimar gefahren.

Letztes Jahr war er in England und Schottland.

Tapetenwechsel sei wichtig, hatte er noch vor seiner Abreise gesagt.

Tapetenwechsel. Sichtwechsel. Perspektivenwechsel.

Im Themenwechsel ist Jean le Grand ein großer Meister.

Goethe, Nietzsche, Victor Hugo, Fraktalgeometrie, Tierhaltung,

Feinmechanik, Pflanzenkunde, Algerienkrieg, französischer Rechtsradikalismus …usw.

Ihn nerven die Klischees, er mag es gerne präzise.

Seine Präzision und Vielfalt, erschafft ein sich ausbreitendes Universum an Gedanken.

Unterhält man sich mit ihm, dann beschleicht einen die Idee,

dass man sich mit einem zweibeinigen Atomkraftwerk unterhält.

Energie! Energie ! Energie!

Armer Kerl, wohin damit?

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Jean le Grand ( 4 ) Lebensskizzen

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Er zeigte mir seine Arbeiten.

„Ich bin kein Künstler!“ sagte er.

„Ich auch nicht!“

„Wir sind.“

„Was?“ fragte ich.

„Zeitreisende!“ …

„Aber, wer hat heute noch Zeit?“

„Die Zeit ist doch immer da!“ grinste Jean.

„Und was machen wir draus?“

„Wir machen jetzt einen Tee…“

Dann zeigte er mir Fotografien von Paris.

„Davon habe ich fünf Aktenordner“, sagte Jean. „Aber die musst du dir jetzt nicht alle anschauen.“

„Das erleichtert mich ungemein…“

„Sonst wird dir nachher ganz schwindelig.“

„Schöne Fassaden. Und diese Geländer.“

„Sind noch aus dem 19. Jahrhundert“, sagte Jean. „Wenn dieser deutsche General nicht den Befehl verweigert hätte,

dann gäb es das alles nicht mehr. Das war schon was, Adolfs Befehl zu verweigern.

Der wollte ja Paris auf die letzten Tage des Krieges zerstören.“

„Nach Paris sollte ich auch nochmal hin“, sagte ich.

„Ein teures Pflaster.“

„Tja, es fehlt die Kohle.“

„An allen Ecken und Enden.“

© 2012 Text / Foto: Stefan Dernbach

Jean le Grand ( 3 ) Klopf, Klopf

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„Er ist kein Dummer!“ sagte mal ein alter Freund.

Auf dem Weg zu Jean, eine kleine Zwischenstation.

Luftholen. Die Kölner Staße hat es in sich. Angeblich Deutschlands

steilste Einkaufsstraße.

Jean hat es auch in sich, will meinen, er hat eine Menge in sich.

Bei ihm wimmelt es nur so von Philosophen, Mathematikern und

Schriftstellern. Da kommt man weder „billig“ rein noch raus.

Ich hämmerte an die alte Holztür. Es gibt keine Klingel.

Laut solle ich klopfen, hatte er gesagt, sonst würde er es nicht hören.

Jean lebt auf zwei Etagen und sein Arbeitszimmer ist ganz oben.

Wenn ein Franzose „laut“ sagt, dann weiß man was gemeint ist.

Eine herkömmlich Tür würde zu Bruch gehen. Aber wir sind in der Altstadt, wo die Häuser

so gebaut sind, dass sie Jahrhunderte überstehen.

Es dauerte eine Weile. Ich stand vor der Türe und sah eine Katze auf dem Dachvorsprung.

Sie lag in der Sonne, gebettet auf warmem Blech.

„Ein Foto?“ fragte ich sie.

Sie hätte es zugelassen. Es ging ihr gut.

Tiere verstehe ich einigermaßen. Sie sind nicht so kompliziert wie Menschen.

Und abgesehen davon, selbst wenn man Menschen verstanden hat,

besagt das noch gar nichts darüber, wie es weitergeht.

Die Türe wurde geöffnet. Jean, wie fast immer barfüßig, schaute etwas zerzaust aus.

Man hätte vermuten können, sein Mittagsschlaf sei durch mein Klopfen unterbrochen worden.

Aber der Mann schläft nicht mittags. Er schläft überhaupt wenig.

Er lebt.

„Bonjour Monsieur!“

„Na Germane, wie isset?“

„Die Sonne scheint, man will nicht meckern.“

„Dann schieb mal deinen Esel in die gute Hütte!“ sagte Jean.

© 2012 Text / Foto: Stefan Dernbach

Jean le Grand ( 2 ) Im Namen des Tagebuches

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Es gibt soetwas…

Man denkt sehr stark an einen Menschen und plötzlich

steht er vor einem.

Noch am Morgen hatte ich gehofft ihn zu treffen.

Und am Nachmittag auf dem Weg ins Café, auf der üblichen Route,

da stand er mit seinem Velo am Straßenrand. Jean le Grand.

Diesmal mit drei Teppichen unterwegs.

Er transportiert auch Balken und Bretter mit dem Fahrrad.

„Bonjour Monsieur!“

Von der Sonne geblendet, hatte er mich zunächst nicht erkannt.

Ich trug eine Sonnenbrille und Jean war ohnehin mit seinem Vehikel unübersehbar.

Ein kurzer Smalltalk, dann ging es gemeinsam Richtung Stadt …

„Na Germane, wie läufts denn so? Ich dachte, du wärst auf Reisen?“ fragte Jean.

„Da ist was Blödes dazwischen gekommen…“

„Das ist aber schade.“

„Sehe ich auch so…“

„Und nun?“ fragte Jean.

„Keine Ahnung. Wie sieht es mit einem Treffen aus?“

„Kannst mitkommen, ich fahr nach Hause.“

„Nee, jetzt nicht. Will noch ein paar Notitzen im Café machen. Morgen gegen Mittag?“

„Kannste kommen, Germane!“

„Ach, ihr Gallier seid wirklich herzlich!“ sagte ich.

© 2012 Text / Foto: Stefan Dernbach

Jean le Grand ( 1 )

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Es wird mal wieder Zeit ihn zu treffen.

Jean le Grand, ein Franzose in Siegen.

Ein Wanderer zwischen den Welten.

Zeichner. Fotograf. Leser… und ein großer Humorist.

Und woran mangelt es häufig?

An Menschen mit gutem Humor.

Da kommt der Franzose gerade zum rechten Zeitpunkt.

Ihn zu treffen, ist aber gar nicht so einfach,

weil er ständig unterwegs ist.

Noch so einer, der ständig mit dem Velo unterwegs ist…

© 2012 Text / Foto: Stefan Dernbach