Hast du noch Töne ? ( 2 )

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Garantie ist ein Wort mit großer Ausstrahlung.

Man denkt an Vertrauen und Sicherheit.

Es ist ein Versprechen.

Elekro-Märkte werben gerne mit vollmundigen Ankündigungen.

„Service ist unsere Leidenschaft!“

„Wir lassen Sie niemals alleine!“ „Wir sind immer für Sie da!“

„Haben Sie ein Problen, dann lösen wir es sofort!“

Frau Himmel hatte ein Problem.

Ihre Musikanlage gab keinen Muckser mehr von sich.

Also zog die Musikliebhaberin verdrossen alle Kabel und packte ihr krankes Schätzchen in einen Karton,

um es am nächsten Tag zum Elekro-Markt „Mars“ zu bringen.

Die Garantie für das Gerät war leider abgelaufen, aber Frau Himmel war das Gerät soviel wert, dass sie es möglichst schnell repariert haben wollte. Dabei, so dachte sie, würde sie auch keine Kosten scheuen, rechnete aber schon vorab mit einem schmerzhaften Betrag.

Wahre Musikliebhaber sind sensible Menschen.

Frau Himmel hatte eine fast schlaflose Nacht.

Wenn sie mal schlief, dann wurde sie von Alpträumen gequält.

Debussy am Galgen. Musikanlage in Flammen. Ihr Schätzchen auf dem Operationstisch eines Krankenhauses.

Am nächsten Morgen war Frau Himmel früh am Start. Sie packte sich ihre Musikanlage, die ein ordentliches Gewicht hatte, in eine große Tasche und begab sich zu Fuß zum „Mars“, dem Elekro-Markt ihrer Wahl.

Schon nach hundert Metern spürte sie, dass ihr rechter Arm an dem ihr Schätzchen hing, immer länger wurde.

Schweiß trat auf ihre Stirn, der nicht nur etwas mit der körperlichen Anstrengung zu tun hatte,

sondern auch mit diversen Unwägbarkeiten und Vorahnungen. Die Perlen der Anspannung waren jedoch auch Ausdruck für den drohenden Verlust. Wie lange würde sie auf ihre Musikanlage verzichten müssen?

Frau Himmel war, was nahe liegt, nicht ganz bei der Sache. In der Eile übersah sie, dass ihr Schnürsenkel sich gelöst hatte, weil nicht sorgfältig zugebunden. Sie geriet ins Stolpern und rammte eine Mutter mit Kinderwagen, darin gottlob Drillinge. Die Breite des Kinderwagens verhinderte den Sturz auf den harten Asphalt…

© 2012 Text / Foto: Stefan Dernbach

( Fortsetzung folgt)

Hast du noch Töne ? (1)

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Ach, Musik ist eine schöne Sache.

Mozart. Westernhagen. Michael Jackson. Whitney Houston. Manche schon verblichen. Aber man möchte sie trotzdem noch hören, wenn man kann.

Nein, es geht nicht um einen medizinischen Fall. Frau Himmel war eine Musikliebhaberin ersten Ranges. Sie litt weder an Tinnitus, noch an einer Mittelohrentzündung. Sie genoss es ganz einfach, jeden Tag ihre Musikanlage anzustellen, für die sie ein hübsches Sümmchen investiert hatte. Konkret hieß das, es war mehr als ein Tausender, den sie einst für ihr gutes Stück bezahlt hatte.

Wenn Frau Himmel auf den Knopf ihrer Musikanlage drückte und das grüne Licht erschien, suchte sie sich einen Radiosender ihrer Wahl.

Manchmal schob sie auch eine CD ins Lauwerk. Sie mochte den Anblick, wenn ihre Anlage den runden Silberling ganz langsam einzog. Dann kam das Ereignis, welches besser nie hätte kommen sollen.

Es war Abend und nach einem arbeitsreichen Tag, wollte Frau Himmel bei Musik entspannen. Sie schaltete ihre Musikanlage ein, öffnete das CD-Fach und schob Debussy ein, genau gesagt „Claire de Lune“ und andere zauberhafte Stücke. Die ersten Klavierläufe ließen Frau Himmel ihre Augen schließen. Im Fluss der Melodie sah sie den Mond, wie er zwischen den Wolken wanderte. Ein zartes Licht, erschaffen von Debussy.

Dann hörte man plötzlich eine Art von Grollen, Knarren, Quietschen. Frau Himmel riss ihre Augen auf, unsanft geweckt aus süßem Traume. Es schien ganz so, als ob ihre Musikanlage Herrn Debussy den Garaus machen wollte.

Frau Himmel, technisch nicht sehr bewandert, aber wer ist das heutzutage noch, rannte zu ihrer Anlage und tat das einzig Sinnvolle. Sie drückte auf Stop. Danach gab sie ihrer Musikanlage den Befehl: Laufwerk öffnen!

Dieser Wunsch wurde auch erfüllt. Es war aber die letzte Tat, die Frau Himmels Musikanlage verrichtete.

Hitze entwich dem edlen Gerät. Frau Himmel dachte unwillkürlich an ihren Toaster, der ähnliche Temperaturen aus sinnvollem Grunde produzierte. Aber ihr „Schätzchen“, wie Frau Himmel ihre Musikanlage liebevoll nannte, war noch nie zuvor so heiß gelaufen, nicht einmal bei „Born to be wild“ von „Steppenwolf“…

© 2012 Text / Foto: Stefan Dernbach

( Fortsetzung folgt)