„Das gespaltene Land“

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Spaltung überall, wo man hinschaut. Oben und unten, links und rechts, und was ist mit der Mitte? Die Mitte schrumpft, bröckelt und schaut ängstlich in die Zukunft. Die Angst ist berechtigt. Alexander Hagelüken beschreibt in seinem aktuellen Buch „Das gespaltene Land“, die zunehmende Ungleichheit in unserer Gesellschaft und die katastrophalen Folgen für die Betroffenen und unser Gemeinwesen. Die etablierten Volksparteien haben diese gefährliche Entwicklung nicht verschlafen, sondern ignoriert, zum guten Teil sogar daran mitgewirkt.

Affen_nah

Im unteren Teil der Gesellschaft hat sich die nackte Existenzangst mittlerweile zur großen Frustration ausgewachsen. Die Lebenschancen und Lebensmöglichkeiten sind bei einem Viertel der Gesellschaft so erschreckend gering, dass das Pendel zwischen Resignation und Wut ausschlägt. Eines der Ergebnisse davon ist das Wuchern nationalistischer Parteien und ihrer Parolen. Die grobe Vereinfachung von komplexen Problemen ist gesellschaftsfähig geworden und gefährdet das demokratische Fundament.

Nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa, erstarken die „Populisten“, die mit ihrer groben Sündenbock-Manie, Realitäten bewusst verschleiern oder verdrehen, und  zutiefst gekränkte Bürger in ihren Bann ziehen, anfixen und verführen. Für komplizierte globale Probleme haben auch sie keine Lösungen, aber sie suggerieren es einer beträchtlichen Menge von verängstigten und abgehängten Menschen.

Was ist abhanden gekommen?

Die Hoffnung auf ein halbwegs sicheres Leben in einer Gesellschaft, wo Aufstieg möglich ist und Leistung belohnt wird.

Der Blick auf den Niedriglohn-Sektor zeichnet ein erschreckendes Bild. Immer mehr Menschen in der Gesellschaft sind Gehetzte und Habenichtse, ohne Hoffnung auf Verbesserung ihrer Lebenslagen. Dazu gehört inzwischen auch die Altersarmut, im Klartext, ein wachsendes Heer von alten Menschen, die nicht von ihrer Rente leben können. Während sich das „Volksvermögen“ und der Reichtum bei zirka 10 % der Bevölkerung sammelt und ständig mehrt, schauen immer mehr Menschen in eine finstere Zukunft ohne Aussicht auf normale Lebensverhältnisse. Die kommende Generation wird zudem beträchtlich gefährdet sein, obschon sie eigentlich die Stütze der Gesellschaft sein müsste, aber sie kann es kaum werden. Immer mehr junge Menschen sind ebenso abgekoppelt von Aufstieg und Erfolg. Ihr Leben ist nicht mehr planbar, sondern nur noch in hohem Maße von Unsicherheit geprägt. Das kann sich keine Demokratie auf Dauer leisten, ohne beträchtlichen Schaden zu nehmen oder sich sogar selbst abzuschaffen…

„Das gespaltene Land. Wie Ungleichheit unsere Gesellschaft zerstört – und was die Politik ändern muss“

Alexander Hagelüken

Knaur Verlag

Form Bewusst Sein

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Das Puzzle des Alltags ist geprägt von Gewohnheiten und Mustern. Wieviel Zeit nimmt man sich für was? Das ist nur eine Fragestellung von vielen, die Frank Berzbach in seinem Buch „Form Bewusst Sein“ aufwirft. Wie ist es um den Alltag bestellt? Wodurch zeichnet er sich aus? Wir folgen Realitäten, Trends, Erfahrungen, Zwängen, Wünschen…und erschaffen dadurch Erlebenswelten:

Ernährung, Liebe, Medien, Kleidung, Besitz …

das ist die Grundausrichtung, woran sich Frank Berzbach orientiert und seinem Buch eine Grundordnung verleiht, die hilfreich, weil basal ist. Allem vorangestellt ist die Form der Beschränkung. In vermeintlich grenzenlosen Zeiten, wird alleine schon das Wort: „Beschränkung“ in Erstberührung manchem die Lust verderben, geht man doch gerne über das Limit, ohne jedoch die Folgen zu bedenken. Nichts aber bleibt folgenlos, schon gar nicht das Extrem. Wie sieht der Rahmen aus? Der Mensch braucht Rahmenbedingungen und Eckpunkte. Sie geben Halt und Sicherheit, sie geben Orientierung.

spirit

Wie gestalten wir unseren Alltag, wodurch ist er bestimmt und gekennzeichnet? Wonach streben wir?

Freiheit, Geld, Glück, Leistung, Anerkennung, Lob, Statussymbole, Macht, Gemeinschaft, Teilhabe, Erfolg, Liebe, Gesundheit, Sicherheit, Logik, Geborgenheit, Mitgefühl, Spiritualität, Glaube…etc. Hinter diesen Schlagworten verbergen sich ganze Welten von Vorstellungen, Geschichten und Erlebnissen. Nichts von alledem gibt es grenzenlos, obschon es gerne suggeriert wird. Versprechen von paradiesischen Zuständen, angeblich immerwährend, sind nichts als Illusion und Verführung, womit viel Geld verdient wird und Menschen, zuweilen ahnungslos, in die Irre sich bewegen. Dabei sind die sozialen Folgekosten immens: Übergewicht, Medienabhängigkeiten, stoffliche Süchte, Ängste, Gier, Konkurrenzdruck, Raserei, Völlerei, …all das macht den Menschen unfrei. Nur das Versprechen lautet anders:

Je mehr, umso besser….eine Gleichung, die irgendwann nicht mehr aufgeht.

Wenn wir uns beschränken, widersetzen wir uns, bestimmen wir selbst die Form in hohem Maße. Wir liefern uns nicht dem Heilsversprechen der Grenzenlosigkeiten aus. Wie autonom können wir sein? Wo können wir Grenzen setzen. Begrenzungen schaffen Freiräume, klären, geben Form. Dabei geht es auch um Identität. Wer bin ich? Wo gehöre ich hin, wo nicht?

Sich mit Formen zu befassen bedeutet, sich Gedanken um Schönheit, Ästhetik und Kunst zu machen

Die Fragestellung nach Erhabenheit und Anmut, schafft Harmonie. Beschränken wir uns, wird das Gebiet übersichtlich. Gerade in verwirrend, komplexen Zeiten, ein notwendiger Prozess. Berzbach spricht vom „Formverfall“ im Alltag. Das ist nachvollziehbar, denn das Tempo und die Anzahl der Ereignisse hat enorm zugenommen. Das liegt vor allem an der medialen Entwicklung. Rund um die Uhr verfügbar zu sein, ohne Pausen und Punkte, das gleicht einem Dauerstrom. Eine belanglose Info nach der anderen, wird rausgehauen und die Zusammenstellung ist konträr und intensiv. Eine Aufmerksamkeitshascherei, die süchtig machen kann und einen großen Druck erzeugt.

Überrollt den Menschen die Maschinerie der Ereignisse?

Was hat das für Folgen für die Wahrnehmung? Wie beeinflussen diese Umstände unsere Gedanken, Gefühle und unser Verhalten? Schnell mal was essen, schnell mal was plappern, schnell mal ein Foto, schnell mal was übergeworfen, schnell mal zum Einkauf, schnell mal ins Auto…aber dann danach Stunden vor der Mattscheibe abhängen und sich fesseln lassen. Mord und Totschlag, Kochsendungen, Maden und Würmer in Camps, Schreihälse in angeblich normalem Alltag…und eine Art pervertiertes Heldentum, welches jenseits jeglicher Realität liegt. Superstars werden gesucht, Top-Models kreiert, Versager und Absteiger definiert. Niedere Triebe werden benutzt, Zwischenwelten zerstört. Ein Aufreger folgt dem anderen, demzufolge sich auch alle aufregen. Und zur Aufregung gesellt sich die Herabsetzung und Entwürdigung.

Der einstige Mitmensch wird zum Konkurrenten deklariert

Wenn die Spaltung regiert, was bleibt dann vom menschlichen Kern übrig? Wie wird er verwandelt? Eines ist unbestritten, die enormen Sogkräfte der Technisierung wiegen folgenschwer im Alltag. Deren Verführungskräfte stellen alles bisher Dagewesene in den Schatten. Nach Frank Berzbach ist es notwendig, sich nicht die Autonomie der Gestaltung vom Löffel nehmen zu lassen.Jeder hat die Wahl…

Frank Berzbach:  „Form Bewusst Sein“ ( 2016)

ISBN: 978 – 3 – 87439 – 872 -5

Verlag Hermann Schmidt

Auf schmalem Grat – Reinhold Messner

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Grenzgänger                   

Foto: (c) Piper Verlag

Foto: (c) Piper Verlag

wecken unser Interesse,

sie werfen Fragen auf,

warum sie so sind?

Außerhalb der gängigen Ordnung

folgen sie einem eigenen System,

widersetzen sich und scheren aus.

Dafür braucht man Mut,

denn für das Verlassen gängiger Ordnungssysteme, bekommt man Gegenwind, womöglich Ablehnung. Das Neue schreckt, und das beide Seiten. Die Hintergründe bleiben häufig im Verborgenen, es sei denn, ein Grenzgänger macht Karriere. Dann folgt mediales Interesse und Suche. Das Anderssein wird plötzlich zur Begehrlichkeit und Sensation.

Reinhold Messner bezeichnet sich selbst als Grenzgänger und Abenteurer. Diesen Typ von Mensch reizt die Gefahr, das Erleben intensivster Gefühle. Bergsüchtig, so wie er oftmals beschrieben wird, sei er nicht, so Messner. Aber womöglich ein von Zwang bestimmter Wiederholungstäter, wofür seine stattliche Sammlung von Gipfelbesteigungen steht. Messner ist nicht nur Extrembergsteiger, sondern hat auch Expeditionen in verschiedenste Länder unternommen.

Die Begegnung mit Menschen anderer Kulturen, bedeutet einerseits Grenzen zu überschreiten, aber vor allem Grenzen zu respektieren und zu achten. Das Fremde weckt Interesse, wo bei anderen Menschen Unbehagen und Ablehnung entsteht, ob des Unbekannten. Die aktuellen Entwicklungen in der Gesellschaft zeigen das im Großformat. Xenophobie. Fremdenangst. Das Fremde schreckt, man grenzt sich deutlich ab, und das beiderseitig. Damit werden Chancen der Bereicherung leichtfertig vertan und aufs Spiel gesetzt.

Grenzgängerei ist kein Spiel

Sie verlangt Disziplin und Konzentration, Durchhaltevermögen und den Willen zur Entdeckung. Respekt vor dem Berg, Respekt vor dem Menschen. In kleinsten Schritten unterwegs, aber eben voran oder hinauf. Suche nach möglichen Wegen und Passagen, das aber nicht vorrangig alleine, sondern mit anderen geteilt. Die für eine Zeit gut gehüteten Geheimnisse, werden später als Erfahrung zur Verfügung gestellt. Wer tiefer in die Thematik einsteigt, wird deren Übertragbarkeit auf das Leben womöglich erkennen und nachspüren können. Hektik und Stress am Berg, wie auch im Leben als solches, können fatale Auswirkungen haben. Geduld ist gefragt, aber auch die Fähigkeit, Fehler korrigieren zu können, Routen zu ändern.

Zum Gipfel führt nicht nur ein Weg …

 

                                                                            Stefan Dernbach

Foto: © Piper Verlag 2014

„Über Leben“

Reinhold Messner

Malik / Piper Verlag 2014

ISBN 978 – 3 – 89029 – 450 – 6

Reinhold Messner ist zur Zeit auf Vortragsreise durch Deutschland,

„Über Leben“ Reinhold Messner – Im Namen der Erfahrung

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Lebensrückblicke können ein Geschenk sein, besonders jene, wo die Protagonisten ein reichhaltiges und vielfältiges Sein anzubieten haben. Der Extrembergsteiger Reinhold Messner liefert in seinem Buch „Über Leben“ eine Zusammenschau, aber auch eine Positionierung seines Lebens. Gleich zu Beginn des Buches, erwartet den Leser ein Zitat von TSCHUANG-TSE:

Alle kennen den Nutzen des Nützlichen,

aber niemand versteht den Nutzen des Nutzlosen.“

( c) Piper Verlag

( c) Piper Verlag

Dieses Zitat ist ein Kontrapunkt zu der Entwicklung moderner Gesellschaften, die sich der Effizienz und der Versicherung verschrieben haben. Nutzen, ausnutzen und ausbeuten, steht auf ihren Fahnen geschrieben. Hinzu kommt ein höllisches Tempo. Diesem Modell, welches mittlerweile rundum digitalisiert und technisiert ist, steht Messner kritisch bis ablehnend gegenüber. Was heutzutage als Abenteuer verkauft wird, ist zumeist kein Abenteuer, weil stets mit Netz und doppeltem Boden inszeniert wird:

„Wild sein ist heute vielfach nur Attitüde“, so Messner.

Tatsächlich ist aus dem einstigen Abenteuer Bergsteigen ein Massentourismus geworden, der je nach Lage des Geldbeutels, bis ins Himalaya führt. Bergsteiger-Karawanen mit Rundumservice, ziehen die Gipfel rauf und runter.

Reinhold Messner ist in der Bergregion Südtirols aufgewachsen, welche heute noch seine Heimat ist. Der inzwischen Siebzigjährige blickt zurück auf sein Aufwachsen in einer kinderreichen Familie, die stets mit der Natur verbunden und traditionell ausgerichtet war. Tradition bedeutete Orientierung, aber auch vorgeschriebener Weg. Sie schuf Zusammenhalt, war aber auch von Strenge und Gängelei geprägt. Eine enge Spur, derer die meisten Menschen ihr Leben lang folgen. Messner bricht aus dieser Spur aus, will seine eigenen Erfahrungen machen. Sein Freiheitsdrang wirkt stetig.

Nach anfänglichen Wanderungen und Klettertouren mit den Eltern, beginnt der junge Messner mit seinen Brüdern und Partnern, einen Gipfel nach dem anderen in den Dolomiten zu erklettern. Der Lernprozess am Berg, ist ein Lernprozess fürs Leben. Es lauern Gefahren, die die Wachsamkeit und Vorstellungsfähigkeit ausbilden. Schon vor der Besteigung ist der Berg, die Route, im Kopf gezeichnet. Dennoch beinhaltet das Bergsteigen Risiken, die das Leben kosten können. Das ist nichts für Hasardeure oder Zweifler. Es müssen Entscheidungen getroffen werden. Trotzdem sind zahlreiche gewissenhafte und gut ausgebildete Bergsteiger ums Leben gekommen. Lag es an übertriebenem Ehrgeiz, an falscher Einschätzung der Lage? Oder überraschte die Natur durch Lawinen, Wetterwechsel und Steinschlag?

Das Thema Angst spielt eine wichtige Rolle. Sie wird durch Erfahrung und Handlung auf ein Minimum reduziert, sogar als Antriebsfeder genutzt. Sich selbst und sich seiner Umgebung bewusst werden, Instinkten vertrauen, deren Zeichen und Impulse dem Verstand überlegen sind, darauf kommt es an.

Das Buch „Über Leben“ von Reinhold Messner zeichnet die Psychologie und Entwicklung des Bergsteigens, die Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst und der Natur. Dabei kommt der Frage der Verortung eine wichtige Rolle zu. Wo und wie, ist man beheimatet? Es gibt eine äußere und eine innere Heimat. Im Idealfall wachsen sie zusammen…

Stefan Dernbach

Foto: © Piper Verlag 2014

Über Leben“

Reinhold Messner

Malik / Piper Verlag 2014

ISBN 978 – 3 – 89029 – 450 – 6

Reinhold Messner ist zur Zeit auf Vortragsreise durch Deutschland,

am 25. Januar ( 18:00 Uhr ) auch in Siegen. ( Siegerlandhalle )

Infos: Reisefibel

PETER LINDBERGH: „Images of Women II“ Teil II

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Sinnlichkeit und Hingabe, sind miteinander verbunden. Peter Lindberghs Photos zeigen emotionale Welten, die sich in Gesichtern entfalten. Neben nahen Portraits , spielt Körpersprache eine wichtige Rolle.

Foto: © Peter Lindbergh / courtesy Schirmer / Mosel

Foto: © Peter Lindbergh / courtesy Schirmer / Mosel

Lindbergh und Erotik, die beiden sind ein Paar, welches miteinander tanzt, vielleicht hin und wieder auch ringt? Tanz in Bildern, eine mögliche Assoziation, mal intim, mal provokant. Die Leidenschaft ist vielfältig, welcher Kunstgattung man auch angehören mag. Manche Aufnahmen erinnern an sanfte Gemälde, andere wirken direkt und kompromisslos. Allzu viel Glätte wäre verdächtig.

Lebensgeschichten lassen sich nur bedingt retuschieren

Der Photograph möge nicht versuchen, etwas zu „verschönern“ oder zu beschönigen, was dem Menschen nicht entspricht. Lindbergh unterliegt nicht der Verführung zum Hochglanz, der jede authentische Sinnlichkeit zertrümmern würde. Der Glanz entsteht durch Vielfalt und Kontraste, dem Spiel mit Licht und Schatten. Zwischen diesen Polen warten allerlei Nuancen darauf, entdeckt zu werden. Haben die Frauen in Lindberghs Buch eindeutig das Übergewicht, so tauchen aber auch einige Männer auf, wie zum Beispiel David Cronenberg oder der Buch-Designer Juan Gatti; zwei ausdrucksstarke Aufnahmen mit Tiefgang. Damit ist ein Bogen zum kurzen Einleitungstext von Shunryu Suzuki geschlagen:

„to express yourself as you are, without any intentional fancy way…“

Es geht also eben nicht um Effekthascherei, sondern um einen eigenen Ausdruck, der stets die Einzigartigkeit in sich trägt… 

Text © Stefan Dernbach

Peter Lindbergh: Images of Women II – Photographien 2005 – 2014

Buchdesign von Juan Gatti

Mit Texten von Werner Spies, Wim Wenders und Peter Handke.

296 Seiten, 161 Duotone-Tafeln. 166 Abbildungen

Mit englisch / französischer Textbeilage

Erschienen im November 2014 bei Schirmer / Mosel ( München)

Foto: © Peter Lindbergh / courtesy Schirmer / Mosel

ISBN 978 – 3 – 8296 – 0685 – 1

78,- Euro, CHF 105,-

PETER LINDBERGH: „Images of Women II“

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FACE TO FACE

Es gibt Bücher, in die kann man sich verlieben. Sie kommen vielschichtig daher und setzen Akzente, an deren Ufern man verweilen möchte. Der Photograph Peter Lindbergh hat mit seinen Aufnahmen „Images of Women II“, die aktuell im Verlag Schirmer / Mosel erschienen sind, ein solches Buch geschaffen. Die Zusammenschau von Photographien aus den Jahren 2005- 2014, zeigt überwiegend Ansichten von Top-Models und Schauspielerinnen, die durch ihre Natürlichkeit anziehend wirken. Nadja Auermann, Milla Jovovich, Robin Wright, Kate Moss, Naomi Campbell, Juliette Binoche, Kate Winslet und viele andere. Verbindet man mit Modephotographie häufig glamourös und pompös inszenierte Aufnahmen, so rückt Lindbergh konträr dazu den Menschen in den Mittelpunkt.

Foto: © Peter Lindbergh / courtesy Schirmer / Mosel

Foto: © Peter Lindbergh / courtesy Schirmer / Mosel

Mehr Sein als Schein

Dieses Motto wirkt entlastend wie bereichernd, in Zeiten wo das Plakative und Skandalöse die Zeitgeister bestimmt. Nicht Überfütterung, sondern Entfütterung ist angesagt.

Auf dem Cover betrachtet die Schauspielerin Uma Thurman ihr Spiegelbild, aufgenommen in Los Angeles / USA 2011, für Vogue Italy. Spiegelszenen finden sich noch an anderer Stelle im Buch wieder. Innenansichten von Frauen, die sich vielleicht fragen, wer sie wirklich sind? Bei der Vielzahl von Rollen, die schon gespielt wurden und noch werden, kann sich solche Frage aufdrängen und das Bedürfnis nach Introspektion entstehen. Wieviel Professionalität, wieviel Authentizität, wer mag das entscheiden? Die Antworten darauf, kennen nur die Beteiligten.

Face to face, von Angesicht zu Angesicht, das bleibt bei aller Professionalität eine intime Begegnung mit zahlreichen Facetten. Dabei, so mag man hoffen, tritt die Steuerung der Ereignisse in den Hintergrund, gewährt man dem Fluss des Lebens seinen Lauf. Solche Bilder wirken deshalb bezaubernd, vielleicht auch verzaubernd, weil sich in der wechselseitigen Ansicht Prozesse entwickeln, die vorweg nicht absehbar und auch nicht planbar sind. Sie entziehen sich dem Bewusstsein und wirken. Der Musiker Neil Young fasste das in dem Satz zusammen:

„It’s more in the picture, than meets the eye.“

Das Buch „Images of Women II“, schlägt man nicht einfach auf und greift zu, sondern man sollte sich langsam ihm nähern und den eigenen Geschmacksnerven Zeit und Raum geben, so wie man durch eine Ausstellung flaniert. In einer Zugriffsgesellschaft, die nach den Gesetzen des Habens und des Besitzes funktioniert, ist das zweifellos eine Anforderung und auch eine Herausforderung. Das Leben als solches, von Peter Lindbergh gezeigt und kreiert, ist fragil, stark, fragend und voller Geheimnisse.

Man schaut hin und lässt es geschehen…

 

Text: © Stefan Dernbach

Foto: © Peter Lindbergh / courtesy Schirmer / Mosel

Peter Lindbergh: Images of Women II – Photographien 2005 – 2014

Buchdesign von Juan Gatti

Mit Texten von Werner Spies, Wim Wenders und Peter Handke.

296 Seiten, 161 Duotone-Tafeln. 166 Abbildungen

Mit englisch / französischer Textbeilage

Erschienen im November 2014 bei Schirmer / Mosel ( München)

ISBN 978 – 3 – 8296 – 0685 – 1

78,- Euro, CHF 105,-

“Die Welt des Sexus” Henry Miller II

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Wie Welt als Chaos,                   miller_sexus_zivil_unschuld

Monster,

als gefräßiger Drache.

Willkommen im Irrgarten,

den jeder mehr oder weniger

bepflanzt und durchschreitet.

Henry Miller schaut aus Mikro- und Makroperspektive, zerteilt und vergrößert, bewässert, düngt und eleminiert.

Der Feind sitzt in einem selbst – so eine seiner zentralen Aussagen.

Ohne eine eigene „Beichte“, wird der Mensch nicht weit kommen. Das Grauen ist nicht nur in der Welt zuhauf vorhanden, nein, vor allem in jedem von uns selbst. In jedem steckt mehr oder weniger ein „Mörder“, so Miller. Jeder trägt zumindest eine Mitschuld an dem Chaos  und dem Irrsinn. Zwar sieht er den Menschen als Teilchen im Getriebe eines gnadenlosen Systems, mit dem er abrechnet, aber dennoch appelliert er an die Selbstverantwortung für das eigene Werden.

Es gilt sich wieder in Richtung Unschuld zu bewegen, diese wenn nötig, kompromisslos anzusteuern.

Dabei erteilt er den Moralisten eine klare Absage, die den Schuldkomplex ständig befeuern und züchten. Sie weisen mit ihren überdimensionierten Zeigefingern immer weg von sich selbst, blockieren und sabotieren jeglichen persönlichen Fortschritt. Sie sind die leibhaftigen Erzeuger von Furcht und Angst, Sünde und Schuld. Ihre ständigen Anklagen und Forderungskataloge, verengen nicht nur Handlungsräume, sie entziehen den Sauerstoff, ersetzen den freien Blick durch eine wie immer geartete Mauer.

Und an dieser Mauer treffen sich „die normalen Irren“, die sich an Status und Sicherheit klammern. Dort findet der erbarmungslose Kampf um das Fressen oder um die Reste statt. Gegenseitige Entwürdigung und Missachtung, Gemetzel und Anklage. Im wahrsten Sinne des Wortes, eine Anklage- und Klagemauer.

Henry Miller fordert den Menschen auf, die Sackgasse zu verlassen …

 

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